Beginn des Vereinslebens und Gründung der
"Schützengesellschaft zu Kirberg"
Das bürgerliche Vereinsleben im Nassauer Land hatte seinen Anfang im beginnenden 19. Jahrhundert zunächst wohl nur in den Städten als Literarische Zirkel, Lesegesellschaften und gesellige Vereine, aber schon bald sind auch im ländlichen Bereich Vereinsbildungen festzustellen. Neben Zusammenschlüssen im kulturellen und sportlichen Bereichen, zwang der krisenhafte Wandel in den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen und in der politischen Entwicklung dazu, dass die öffentliche Anteilnahme an diesen Problemen neue Vereine hervorbrachte. Es entstanden Gewerbe-, Landwirtschafts- und Handwerks vereine. Auch politische Gruppierungen oder solche mit politischer Tendenz, zumindest im Verborgenen, traten zusammen. Diese Entwicklung lässt sich nicht nur im Großen, sondern auch im begrenzten heimischen Raum verfolgen:
Bereits 1844, also zu der Zeit, als eine Vereinsgründung vom Staat noch nicht gerne gesehen war, finden wir in Kirberg den vom Lehrer Wilhelm Christian Bautz gegründeten Männergesangverein. Die politische Bewegung des Jahres 1848 war Auslöser für eine Zusammenkunft, bei der sich politische Vereine aus dem Nassauer Land, die sich auf demokratische Prinzipien stützen, am 12. November 1848 in Kirberg trafen und zum "Kirberger Bund" zusammenschlössen.
Bei den Kirberger Organisatoren dieses Treffens befindet sich auch der Feldgerichtsschöffe und spätere Bürgermeister Karl Bender, den wir noch zu einem nachfolgenden Zeitpunkt als Gründungsmitglied der Kirberger Schützengesellschaft treffen werden. Im wirtschaftlichen Bereich findet im Jahre 1860 die Gründung des örtlichen Gewerbevereins statt, der die Interessen der am Ort ansässigen Handwerker, vom Meister bis zum Lehrling, wahrnehmen soll.
Als erster sportlich
ausgerichteter Verein erscheint die
"
Schützengesellschaft zu Kirberg "
Aus den noch vorhandenen Aufzeichnungen entnehmen wir das Gründungsdatum, den 1.
September 1862. An diesem Tag wurden die von einer Kommission erarbeiteten
Statuten von der Generalversammlung angenommen und der Vorstand gewählt. Er
setzte sich zusammen aus dem 1. Vorsitzenden, Dr. med. Friedrich Wilhelm
Grandhomme, dem Schriftführer Friedrich Hesse, dem Kassierer Wilhelm Georg und
dem Schützenmeister, dem inzwischen zum Bürgermeister gewählten Karl Bender. Als
Scheibenweiser für 20 Kreuzer Vergütung je Schießtag wurde Ferdinand Brendel
bestellt. Man beschloss, am darauf folgenden Sonntag, nachmittags um 3 Uhr mit
dem Schießen zu beginnen.
Wie einfach hatten es doch damals die Schützen.
Keine gesetzlichen Vorschriften engen den Handlungsfreiraum ein.
Ein geeignetes Grundstück, eine bescheidene Hütte, die man nach Belieben innerhalb einiger Tage verlegen
konnte und eine Feldscheibe genügten, um mit dem Vereinsgewehr den Schießsport
auszuüben. Man schoss, ohne sich um die heute zu Recht vorgeschriebenen
Sicherheitsvorkehrungen kümmern zu müssen, von einer strohbedeckten Hütte aus in
Richtung "Weißer Berg". Jedes Mitglied, so wird berichtet, musste zum Bau der
Hütte ein Gebund Kornstroh abliefern. Im nächsten Jahr war der Schießplatz an
den Burgfelsen verlegt worden, um etwas später wieder am alten Platz
errichtet zu werden.
Im Juni 1863 beschloss die Generalversammlung, Mitglied des
Allgemeinen Deutschen Schützenbundes zu werden, was die Anschaffung einer
Feldscheibe nach dessen Richtlinien erforderlich machte. Monatliche
Preisschießen, für welche Geldbeträge aus der Vereinskasse vorgesehen
waren, sorgten für Anreiz und bessere Schießleistungen. Die meisten Sorgen
bereitete damals die Eintreibung der Beiträge. Wer seinen monatlichen
Beitragsverpflichtungen nach zweimaliger Aufforderung nicht nachkam, wurde
kurzerhand ausgeschlossen.
Freundschaftliche Verbindungen bestanden
zu den Idsteiner Schützen, mit welchen man gemeinsam eine Ehrengabe zum
Schützenfest des Mittelrheinischen Schützenverbandes senden wollte.
Skeptisch beobachtete man die Gründung des Turnvereins im Jahre 1863 und
erwartete, dass dieser seine Statuten vorlege, um dann über die Beziehungen zu
diesem Neuling endgültig zu beschließen. Wie man weiter lesen kann, hatte der
Verein auch auswärtige Mitglieder.
Eine sparsame Haushaltsführung, die sich auf
der Einnahmenseite auf Beitragszahlungen beschränkte und der andererseits keine
aufwendigen Unterhaltskosten entgegenstanden, brachte dem Verein jährlich einen
kleinen Gewinn ein. Die letzte Seite im Protokollbuch vom 9. November 1870
berichtet uns von einem Überschuss in Höhe von 52 Gulden und 30 Kreuzer. Die
Dividende des angelegten Geldes, so beschloss die Versammlung sollte für ein
gemeinsames Martinsessen verwendet werden.
Was geschah nach dem Jahre 1870 ?
Unterbrach der damalige Krieg das Vereinsleben?
Leider ist uns in Form von Aufzeichnungen lange Zeit nichts überliefert. Ein
alter Zinnpokal, der um die Jahrhundertwende von dem hiesigen Apotheker, der
mündlichen Überlieferung nach, gestiftet worden sein soll, eine große
KK-Ehrenscheibe und ein altes verwittertes Gewehrfutteral sind stumme Zeugen für
diese Zeit aus der Vereinsgeschichte.
Erst wieder aus dem Jahre 1929 liegt ein schriftlicher Bauantrag des "Klein-Kaliber-Schützenvereins Kirberg" auf
Erstellung einer Schieß-Schutzhalle an der Kirberger Burg vor. Es war ein Antrag
auf den Bau einer Hütte aus Balkenwerk mit Bretterverkleidung und
Pfannenblechdach in der Größe von 5 x 3,5 Meter. Errichtet werden sollte sie
ohne Vergütung auf dem Grundstück von Herrn Arnold Deußer. Am 28. April 1929
wurde die Genehmigung zum Bau dieses "Schützenhauses" erteilt.
Weiterhin ist ein Foto eines Festzuges in Kirberg aus den
30er Jahren vorhanden, auf dem im Hintergrund der "Schützenverein Kirberg" zu
sehen ist. Aber dann schweigen wieder die Analen. Der zweite Weltkrieg beendete
vorerst alle weiteren Aktivitäten der Kirberger Schützen, bis sich am 15. August
1963 neun Sportschützen zu neuen Taten zusammenfanden. Aber das ist eine neue
Geschichte.
Die
Wiedergründer des Vereins
Laut Gründunqsversammlung vom 15 .8 .1963
|
Behler, Hans-Dietrich |
Hofmann. Friedel | Klöppel. Werner |
| Butzbach, Helmut | Hoyer, Reinhard | Leber, Ottokar |
| Botschan, Hans | Kimpel, Willi | Pauli, Edmund |
Bis zur 1. Jahreshauptversammlung, am 19.9.1963 kamen folgende Mitglieder hinzu:
| Dienstbach, Volker | Kimpel, Gerhard | Schmitt, Manfred |
| Hermann, Gerd | Knecht, Richard | Springer, Franz |
| Himberger, Paul | Ott, Ludwig | Storch, Karl-Heinz |
| Himberger, Axel | Ruppert, Kurt | Weininger, W. |
| Hofmann, Hans | Schmidkunz, Edgar | . |
Die
Wiedergründung
Als sich an einem warmen Sommerabend des 15. August 1963 einige Interessenten
zwecks Gründung eines Schützenvereins trafen, da hatten sie noch keine Ahnung
von der alten Schützentradition im Flecken Kirberg. Noch war man nicht im Besitz
jenes Dokumentes, welches uns Herr Rudolf Dienstbach einige Zeit später übergab,
nachdem er es auf dem Speicher seines Hauses gefunden hatte.
So machten sich 9
Gründungswillige im damaligen Gasthaus Neis - heute Calabria - an die Arbeit, um
den Verein zu gründen und die Weichen für die Zukunft zu stellen.
Kreisschützenmeister Gustav Raithel, der unserem Verein bis zu seinem Tode stets
freundschaftlich verbunden blieb und Waffenmeister Boese aus Limburg, der
leihweise 2 Luftgewehre zur Verfügung stellte, standen uns mit Rat und Tat zur
Seite. So wurde die Gründung des Schützenvereins 1963 Kirberg vollzogen und ein
provisorischer Vorstand gewählt.
| Diesem gehörten an: | Hans Dietrich Behler, | 1. Vorsitzender |
| Hans Botschan, | 1. Schriftführer | |
| Edmund Pauli, | 1. Kassierer | |
| Helmut Butzbach, | 1. Schießleiter | |
| Friedel Hofmann, | 2. Schießleiter |
Dieser erste Vorstand war beauftragt, eine Satzung zu entwerfen, den Verein beim
Hessischen Schützenverband zu melden und schließlich den Schießstand
einzurichten. Am selben Abend noch, wurde mit dem Gastwirt Neis erfolgreich über
die zeitweilige Benutzung der Kegelbahn als Schießstand verhandelt.
Die erste Jahreshauptversammlung wurde für den 19.9.1963 einberufen. Bis zu
diesem Termin war die Zahl der Mitglieder bereits auf 23 angewachsen. Das war
ein großer Erfolg wenn man bedenkt, dass sich seinerzeit die Bevölkerung
dem Vereinsneuling gegenüber sehr skeptisch und ablehnend verhielt. Fünf Vereine
in Kirberg, das sei schon zu viel für den kleinen Ort, einem weiteren
müsse zwangsläufig nach 1 bis 2 Jahren die Luft ausgehen.
Trotz
dieser Unkenrufe schlossen wir uns keinem Verein als besondere Abteilung an, sondern
blieben bei der Eigenständigkeit. Dieser Entschluss hat sich für uns ausgezahlt,
auch wenn ein großer Teil der heute über 240 Mitglieder nicht in Kirberg
wohnt.
Aber nun zurück zum 19.9.1963, der ersten Jahreshauptversammlung. Hier wurde die
Satzung diskutiert und beschlossen sowie der Erwerb der Erstausstattung für den
Schießbetrieb und der Gewehre genehmigt. Vor allem aber wurde der erste Vorstand
nach den Erfordernissen der Satzung gewählt. Zu den bisherigen Mitgliedern des
provisorischen Vorstandes kam Kurt Ruppert als 2. Vorsitzender hinzu.
Nun konnte offiziell mit den abendlichen Übungsschießen begonnen werden, und das war
für alle Beteiligten ein großes Vergnügen. Wir erinnern uns gern an diese erste
Zeit in unserem früheren Zuhause, der alten Gaststätte Neis, die heute durch
einen Neubau ersetzt ist. Bevor der sportliche Ehrgeiz erwachte, waren
Schießspiele an der Tagesordnung. Ein oder zwei Preise wurden gestiftet und 2
Mannschaften ausgelost. Diese Art des Trainings machte das Schießen für alle
attraktiv und unterhaltsam und hielt gute und schlechte Schützen bei der Stange.
Mit dem Umzug ins neue Schützenhaus gerieten diese Hobbyschießen leider nach und
nach in Vergessenheit, da der sportliche Schießbetrieb sich immer mehr
ausdehnte.
In den folgenden Monaten stiegen die Schießleistungen ständig an, der Umsatz des
Gastwirtes war rückläufig und der dreibahnige Schießstand, auf dem auch noch
gekegelt werden musste, wurde bedrückend eng. So musste man sich nach einer
neuen Bleibe umsehen.
Unter drei Möglichkeiten, die uns die damalige Gemeinde angeboten hat, wurde die "Alte
Straße" ausgewählt. Diese "Alte Straße" war ein wild verwachsener und
zeitweilig als Mülldeponie benutzter Weg. Früher einmal führte er nach
Wiesbaden, quasi als Vorläuferstraße der heutigen B 417. An diesem Platz
errichteten wir unser Schützenhaus, eine Schießsportanlage, auf der
beachtliche sportliche Leistungen erbracht werden.
Der Schießsport, Bautätigkeiten und gesellige
Veranstaltungen im internen Kreis oder zusammen mit der
Bevölkerung haben in den vergangenen 40 Jahren das Vereinslehen gefestigt, die Kameradschaft besiegelt
und unseren Verein überregional bekannt gemacht. Aus einem Interessenclübchen ist ein
ausgewachsener, starker, sportlich überaus erfolgreicher Verein hervorgegangen, der auch aus
dem gesellschaftlichen Leben von Kirberg und Hünfelden nicht
mehr hinwegzudenken ist.
Wer hätte im
Wiedergründungsjahr 1963 daran zu denken gewagt?
Im
Jahre 1986 wurden dann Vereinsname und Gründungsdatum der alten Tradition
entsprechend geändert.
Erst einige Jahre später wurden erneut Unterlagen gefunden, die belegen,
dass das Schützenwesen in Kirberg einen noch älteren Ursprung hat.
Diesen
Aufzeichnungen ist folgendes zu entnehmen:
Veranlasst durch den Überfall
auf die Posthalterei in Würges, durch den Räuberhauptmann Johannes Bückler,
allgemein als Schinderhannes bekannt, wurde im gemeinschaftlichen Amt Kirberg am
15. Januar 1801 angeordnet, dass in allen Amtsorten, Männer, die Waffen besaßen
und damit umgehen konnten, zum Schutze der Bevölkerung vor Räuberbanden zu
"Schützen-Compagnien" zusammenzustellen sind.
Von Kirberg wurden 20 Mann als
Schützen unter der Leitung von Christian Leichtweis beim Amt gemeldet.
Sie
erhielten folgende Instruktionen:
Es ist bisher nicht bekannt wie lange das Kirberger Schützen-Corps, welches im Flecken auch repräsentative Aufgaben wahrnahm, bestand und ob diese Schützen jemals gegen Räuber und Diebe zum Einsatz kamen.